In dieser Rubrik stellt Experten-Insider Menschen vor, die von ihrem Wissen leben: was sie gebaut haben, welche Entscheidungen dahinterstehen, was sich davon lernen lässt.

Wer

Torsten Nassall, Coach für Männer in Berlin, Gründer der Marke Radical Transformation. Über zwanzig Jahre Begleitung in Einzelgesprächen, Männerkreisen und Retreats. Ausbildung als systemischer Coach, langjähriges Mitglied im ManKind Project, Atemtherapeut. Väterarbeit am Familienzentrum Nauener Platz. Autor des Buchs „Als ich nach Hause kam. Über das Ankommen bei sich selbst", das im Herbst 2026 im YessYess Verlag erscheint.

Wofür er steht

Nassall arbeitet mit einer Zielgruppe, die viele Coaches ansprechen, aber wenige wirklich erreichen: Männer, die im Alltag funktionieren, denen aber klar geworden ist, dass sie dort nicht bleiben können, wo sie stehen. Sein Kernformat ist der Männerkreis. Bis zu zehn Männer, wöchentlich online, neunzig Minuten, klarer Ablauf, Vertraulichkeit als einzige nicht verhandelbare Regel.

„In den 90 Minuten, die wir zusammen sitzen, muss keiner funktionieren. Vielleicht zum ersten Mal in dieser Woche."

Was diesen Ansatz von der weiteren Männerarbeit-Landschaft abgrenzt, ist nicht das Format an sich. Es sind die Klischees, mit denen Nassall bewusst bricht, ohne sie zu polemisieren. Kein Räucherstäbchen-Vokabular, keine Guru-Rhetorik, keine Fixierung auf spektakuläre Rituale. Wer seinen Impuls zum Männerkreis liest, findet dort einen präzisen Umriss: Der Kreis ist keine Therapie, keine Selbsthilfegruppe, keine Männerclique, kein Coaching. Er ist ein regelmäßiger, geschützter Raum, in dem eine kleine Gruppe von Männern bezeugt, nicht bewertet.

Die Positionierung, auf die es ankommt

Aus der Warte des Experten-Marketings ist Nassalls Ansatz ein Lehrstück in Abgrenzung. Er hat nicht versucht, ein möglichst breites Publikum anzusprechen. Er hat mehrere Zielgruppen aktiv ausgeschlossen: Männer in akuter psychischer Krise (die brauchen Therapie), Männer ohne Bereitschaft, sich zu zeigen (die brauchen kein Format), Männer, die nur zuschauen wollen (die zerstören einen Kreis), Männer, die eine Schnell-Lösung suchen (die wären enttäuscht). Was übrigbleibt, ist eine deutlich kleinere, aber deutlich präzisere Zielgruppe. Und genau das macht sein Angebot verkaufbar.

Diese Art des Positionierens durch Ausschluss ist selten. Die meisten Experten fürchten, mit einer klaren Abgrenzung Kundschaft zu verlieren. Nassall zeigt das Gegenteil: Wer klar sagt, für wen er nicht der richtige ist, wird von den passenden Menschen umso deutlicher gesehen. Wer das Thema vertiefen will, dem sei unsere Rubrik Positionierung empfohlen, in der wir diesen Mechanismus regelmäßig aufgreifen.

Der biografische Anker

Die Autorität, mit der Nassall arbeitet, liegt nicht in Zertifikaten, obwohl er sie hat. Sie liegt in einer Biografie, die er nicht verschweigt. Über zwanzig Jahre lief er vor sich selbst weg. Alkohol, Drogen, Essen. Drei Türen raus aus dem Fühlen, wie er es selbst nennt. Bis 2005. Danach: eine zwei Jahrzehnte lange Reise zurück, und aus dieser Reise die Arbeit mit anderen Männern.

Dass er diese Geschichte nicht nur erwähnt, sondern zum Fundament seines Auftritts macht, ist ein weiterer Positionierungs-Baustein. Es macht ihn für die anvisierte Zielgruppe glaubwürdig auf eine Weise, die kein Marketing-Budget kaufen kann. Und es beugt einer Falle vor, in die viele Coaches tappen: die eigene Person zur unangreifbaren Autorität überhöhen zu wollen. Nassall tut das Gegenteil.

Drei Dinge zum Mitnehmen für Experten

  • Nische durch Ausschluss, nicht durch Anpreisung: Wer eine Zielgruppe zu breit definiert, verliert Positionierung. Wer sie durch klare Ausschluss-Kriterien schärft (wie Nassall es mit seinen vier „passt nicht"-Fällen tut), macht das eigene Angebot lesbar und kaufbar.
  • Biografische Substanz statt Zertifikats-Rüstung: Bei Themen, die mit persönlicher Selbstprüfung zu tun haben, ist gelebte Erfahrung der stärkere Hebel als eine weitere Ausbildung. Vorausgesetzt, sie wird ehrlich erzählt und nicht als Heldengeschichte inszeniert.
  • Format vor Inhalt: Nassall verkauft nicht primär Wissen, sondern einen Rahmen. Der Männerkreis ist ein Container mit festen Regeln, in dem eine bestimmte Qualität von Gespräch überhaupt möglich wird. Für viele Experten liegt die eigentliche Chance in genau dieser Verschiebung: nicht mehr Inhalt liefern, sondern einen Ort schaffen, an dem der Inhalt entstehen kann.

Wo du mehr findest

Seine Website mit Impulsen, Terminen zum Erstgespräch und der Presseseite zum kommenden Buch: torsten-nassall.de. Zum Nachlesen der Kern-Argumente: sein Text Was in einem Männerkreis wirklich passiert und die Frage was Coaching für Männer wirklich ist. Wer sich für das Verlagsumfeld interessiert, in dem sein Buch im Herbst erscheint, findet die Programmlinie im YessYess Verlag im Autorenmagazin dokumentiert.

Weitere Porträts stehen in unserer Rubrik Im Profil, darunter das Profil von Markus Coenen, dessen Yes-Modus-Coaching sich thematisch benachbart bewegt.